Machol Sohn des Schraga
Reich verzierte hochrechteckige Stele mit eingezogenem Rundbogen mit vierfach getrepptem Rahmen, die Schultern als mehrfach gegliederte Pilasterkapitelle mit Blütenschmuck ausgeführt, darauf volutenartige Akroterien. Unter dem Bogen eine Krone, darunter das פה, umgeben von einer Blumenranke. Horizontale Leiste mit volutenartig auslaufendem Rankenschmuck unter dem Bogenrund. Das schmaler werdende Schriftfeld gerahmt von rankengeschmückten Pilastern auf mehrfach gegliederten Basen. Schrift erhaben.
Stärkere Schäden durch Verwitterung; Zeile 19 mit dem Sterbedatum vollständig verloren.
Z. 2: שתדלן, schtadlan, „Fürsprecher“.
Z. 3: Psalm 106,3.
Z. 4b/5a: Sprüche 31,23, wo es im Loblied der tüchtigen Gattin heißt: „Anerkannt in den Toren ist ihr Gatte, wenn er sitzt mit den Ältesten des Landes“.
Z. 6: שבים ועוברים, Kehrende und Ziehende, Hin- und Herziehende, Hin- und Herreisende; vgl. Ezechiel 35,7, dort עובר ושב. Die Bewirtung Reisender ist ein gebotenes, gutes Werk. Als biblisches Vorbild gilt Abraham, der in Genesis 18 die drei ihm unbekannten Männer in sein Zelt bittet und für sie ein Festmahl bereiten lässt (siehe Raschi zu Genesis 18,1: Abraham saß ‚am Eingang des Zeltes‘, zu sehen, ob Hin- und Herziehende (עובר ושב) kämen, und sie in sein Haus zu bringen).
Z. 7: Vgl. Psalm 25,21 und 1 Könige 9,4.
Z. 7b/8: רץ כצבי, „eilte wie ein Hirsch“, mAv 5,20 u.ö.
Z. 9/10: הזיל זהב מכיסו, eine geläufige Bezeichnung für großzügige Spender und Wohltäter.
Z. 16: מכאל, Machol, zwischen dem mem und dem kaf ein größerer Abstand. Könnte der Name מיכאל, Michael, lauten? Ein Buchstabenrest ist in der beschädigten Zeile aber nicht auszumachen. Der vor dem 19. Jahrhundert seltene Synagogenname Michael war zuweilen mit dem Rufnamen Machol verbunden.
Z. 17/18: בערג-[צא]..., Bergzabern.
Abkürzungszeichen: Punkte, Striche.
Diese 20-zeilige, herausragende Inschrift ist die einzige für einen schtadlan medina, einen „Fürsprecher des Landes“, auf dem Ingenheimer Friedhof. Dies ist das höchste Amt einer Landesjudenschaft, wie sie sich im 17. und 18. Jahrhundert als Organisationsform der jüdischen Bevölkerung eines Territoriums herausgebildete.
Auf dem Ingenheimer Friedhof begruben Juden verschiedener Territorien. Bergzabern gehörte seit 1410 zum Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Die Burg Bergzabern war herzogliche Residenz und im 17. Jahrhundert abgebrannt. Im 18. Jahrhundert wurden Stadt und Burg im barocken Stil wiederaufgebaut. Ein wenig von dieser Pracht entdeckt man in der Gestaltung von Machols Grabstein, der einer der wenigen üppig barock verzierten Steine auf dem Friedhof ist. Er repräsentiert die Position Machols als höchstem Repräsentanten der Judenschaft in Pfalz-Zweibrücken.
In den Oberämtern des Herzogtums wie Bergzabern waren „Juden-Schultheiße“ eingesetzt, die innerjüdische Streitfälle klärten und verantwortlich für die Schutzgeldzahlung waren. 1714 wurde nun Machol, bisher Juden-Schultheiß zu Bergzabern, über die Judenschaft des gesamten Herzogtums gesetzt als „Oberschultheiß“. 1719 wurde er im Amt bestätigt. Sein Sterbedatum ist nicht bekannt. Der nächste namentlich bekannte Oberschultheiß im Herzogtum war Itzig aus Bergzabern (1740 genannt).
Der „Oberschultheiß“ hatte eine schwierige Doppelfunktion. Zum einen war er verantwortlich dafür, die finanziellen Forderungen der Regierung des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken durchzusetzen. Zum anderen vertrat er die Interessen seiner Landesgemeinde, war ihr „Fürsprecher“. Machols Inschrift rühmt diesen seinen Einsatz für die Landeskinder, die er vor der Obrigkeit vertrat. Besonders hervorgehoben wird sein beispielloses Engagement für vielfältige Aspekte der Wohlfahrt. Der Name Machol blieb bis ins 20. Jahrhundert als Familienname in Bergzabern erhalten.
Zu Machol als Oberschultheiß siehe: Die Landjudenschaften in Deutschland als Organe jüdischer Selbstverwaltung von der frühen Neuzeit bis ins neunzehnte Jahrhundert. Eine Quellensammlung, hrsg. von Daniel J. Cohen, Bd. 3, Jerusalem 2001, S. 1384–1386.